Strahlerfrühling in Selvino – Mein Traumfund aus der Lombardei

"Wie wär’s, hättest Du Lust, nochmals nach Selvino auf Quarzsuche zu gehen? Hansjörg würde auch mal gerne mitkommen" meinte Werner als wir uns, wie jeden Dienstag, im Clubraum trafen. Nun, die kleinen, klaren Quarzkristalle aus den Sedimentablagerungen haben es mir sowieso angetan und so stimmte ich gerne zu. Claudio zeigte auch grosses Interesse bei diesem Ausflug einmal dabei zu sein und so wurde beschlossen, für Freitag/Samstag diese Frühjahrstour durchzuführen. Am Freitagmorgen um fünf Uhr holte mich Werner wie vereinbart mit dem Auto ab. Claudio war schon vorher zugestiegen.
Nun fuhren wir nach Sissach wo Hansjörg auf uns wartete. Es war noch ungemütlich kalt, aber nichts desto trotz war er nur mit einem sommerlichen kurzärmeligen Hemd bekleidet. "Wir gehen ja in den sonnigen Süden" war sein Kommentar.

Während der Fahrt Richtung Tessin begann es allmählich zu tagen. Dicke Wolken bedeckten den Himmel, die Aussentemperaturanzeige in Wernis Auto zeigte vor dem Gotthardtunnel gerade noch lumpige 2,5 Grad an. Erleichtert stellte Hansjörg im Tunnel eine stetige Temperatursteigerung fest, die beim Tessiner Kantonswappen den Höchstwert von 27,5 Grad erreichte. "Also doch Sommer" meinte Hansjörg. Leider fiel die Temperatur in Airolo wieder auf 2,5 Grad und die Wolken am Morgenhimmel verdichteten sich immer mehr. Über Como und anschliessend Richtung Bergamo fuhr uns Werni hinauf nach Selvino zum vorgesehenen Parkplatz. Das Wetter wurde zusehends freundlicher. Die Fundstellen sind durch schon gegrabene Löcher von Vorgängern im Wald- und Wiesenboden gut erkennbar. Nun begannen wir im besagten Gebiet eifrig nach den begehrten Kristallen zu graben. Die Arbeit wurde höchstens unterbrochen, wenn wir unsere Funde gegenseitig begutachteten. Nach etwa einer Stunde graben und suchen hielt ich einen ca. 5 cm grossen, freigewachsenen Kristall mit rundum ganzen Endflächen in der Hand. Er hatte einige verheilte Spannungsrisse und Bitumeneinschlüsse, die ihm zwar den Glanz von Vollkommenheit verwehrten, aber immerhin war es mein bisher grösster Fund.

Mit allerseits gutem Erfolg suchten wir bis zur Dämmerung nach unseren geschätzten "Edelsteinen".

Nachdem wir in einem Hotel unsere zwei 2-Bettzimmer bezogen hatten, wurde in einer Pizzeria der Hunger gestillt. Nach den Gutenacht-Drinks im Dorfpub und an der Hotelbar verabredeten wir uns auf acht Uhr zum Morgenessen. Müde bezog ich mit Werner das Hotelzimmer. Werner hebt mit seinem Spaten die Grasziegel mit dem darunterliegenden Humuswurzelwerk zur Seite und beginnt den freigewordenen Lehm abzustechen. Der Lehm fällt zu Boden und zerfällt. Was sehe ich da ? Faustgrosse, glasklare Quarzkristalle, ohne etwelche Einschlüsse und ohne Spannungsrisse leuchten mir entgegen und spiegeln ihre Flächen und Kanten in der Sonne. Rundum freigewachsene "Quarzdiamanten". Werner fängt an sie einzusammeln und meint:"Nimm nur, es hat ja genug für uns beide". Rasch hole ich mein mitgenommenes Haushaltpapier aus dem Rucksack, greife nach dem ersten Kartoffelgrossen "Diamanten", der an Schönheit mit den geschliffenen Juwelen an der Schmuckmesse locker Schritt halten kann.

  Trrr, Trrr, Trr, Piep, Piep, Piep. - Ich bin sofort hellwach, die grossen Kristalle sind leider nicht mehr da. "Dieser verdammt aufdringliche Wecker" meint Werner. Es ist sieben Uhr, Zeit zum Aufstehen. Wir wollen heute ja nochmals graben gehen.

Nach dem typisch italienischen Frühstück brachen wir wieder in unser Fundgebiet auf, wo wir bis um ein Uhr nach unseren Schätzen suchten.

Das Wetter war prächtig, Sonnenschein und blauer Himmel. Um ein Uhr Nachmittags traten wir die Rückreise an. Alle waren wir zufrieden mit unseren Funden, doch Werni meinte "heute war nicht gerade mein bester Tag". Es ist wieder Dienstag und wir treffen uns wieder im Clubraum. Claudio hat seine Funde, die er feinsäuberlich gewaschen und sortiert hat, mitgebracht. In einem Brillenetui mit blauem Samtboden glitzern die glasklaren Quarzkristalle. "Es sind halt nur die Kleinen, die diesen besonderen Glanz und dieses Leuchten und diese fehlerfreie Vollkommenheit, ohne etwelche Einschlüsse und ohne Spannungsrisse aufweisen" sagt er. Meinst Du, denke ich. Wenn der Wecker nur eine Minute später geläutet hätte, hätte ich einen faustgrossen "Diamanten" eingepackt. Aber vielleicht finde ich diesen ja im nächsten Jahr ?

Mäni Tre.